Einblicke
Einblicke in unsere Erfahrung, Kompetenzen und unser Wissen.
Beratung lebt davon, dass jemand schon einmal an derselben Stelle gestanden hat. Hier geben wir weiter, was sich in nahezu 500 Mandaten seit 2009 gezeigt hat: wie sich Kandidatenmärkte tatsächlich verhalten, woran Veränderung im Betriebsalltag scheitert und welche Fragen im Erstgespräch die entscheidenden sind. Zwölf kurze Texte aus eigener Praxis, sortiert nach Suche und Auswahl, Führung und Organisation sowie Ziele und Steuerung. Öffnen Sie eine Kachel, um weiterzulesen.
Suche und Auswahl
Wie Kandidatenmärkte und Auswahlgespräche wirklich funktionieren.
Personalberatung
Warum erfahrene Techniker nicht auf Anzeigen reagieren
Die Gruppe, die aktiv sucht, ist im technischen Mittelstand die kleinste. Was das für eine Besetzung bedeutet – und was daraus folgt.
Wer eine Projektleitung im Anlagenbau sucht, hat es mit drei Gruppen zu tun. Die erste sucht aktiv, liest Portale und bewirbt sich. Diese Gruppe ist klein und in engen Märkten schnell erschöpft – häufig sind es dieselben Lebensläufe, die bei mehreren Unternehmen der Region gleichzeitig liegen. Die zweite Gruppe ist grundsätzlich wechselbereit, sucht aber nicht: gut eingebunden, mitten in einem Projekt, in ungekündigter Stellung. Die dritte Gruppe würde unter keinen Umständen wechseln.
Der Fehler, den wir am häufigsten sehen, ist die Annahme, die erste Gruppe sei repräsentativ. Sie ist es nicht. Wenn eine Stelle über Monate keine geeigneten Bewerbungen bringt, heißt das selten, dass es die Person nicht gibt. Es heißt, dass sie gerade an einer Maschine steht und keine Stellenanzeige liest.
Für die Praxis folgt daraus dreierlei. Erstens: Die Frage lautet nicht „Wie schreiben wir die Anzeige besser?", sondern „Welche Unternehmen bauen vergleichbare Anlagen, und wer verantwortet dort die Abwicklung?" Das ist eine Rechercheaufgabe, keine Textaufgabe. Zweitens: Der erste Kontakt entscheidet. Jemand, der nicht sucht, gibt einem Anruf ungefähr neunzig Sekunden. In dieser Zeit muss klar werden, warum ausgerechnet diese Aufgabe interessant sein könnte – und dass am anderen Ende jemand sitzt, der das Geschäft versteht. Drittens: Wechselmotive sind selten monetär. In unseren Gesprächen stehen Entscheidungsspielraum, Reisetätigkeit, die Qualität der eigenen Führungskraft und die Frage, ob Zusagen im Unternehmen gehalten werden, regelmäßig vor dem Gehalt.
Das erklärt auch, warum Direktansprache aufwendiger ist als eine Ausschreibung. Man kauft keine Reichweite, sondern Recherche und Gespräche. Wo der Markt viele aktiv Suchende hergibt, lohnt sich dieser Aufwand nicht – dann ist die gute Anzeige der schnellere Weg. Wo er sich lohnt, ist er meist der einzige.
Aus Suchmandaten in Maschinen- und Anlagenbau, Automatisierungs- und Kältetechnik.
Auswahl
Eignung, Motivation, Passung – drei Dinge, die gern verwechselt werden
Warum ein überzeugendes Gespräch noch keine belastbare Entscheidungsgrundlage ist.
Nach einem guten Gespräch entsteht schnell ein Gesamteindruck: „passt". Dieser Eindruck vermischt drei Dinge, die sich unterschiedlich verhalten und die man getrennt prüfen muss.
- Fachliche Eignung ist die Frage, ob jemand die Aufgabe kann. Sie lässt sich am ehesten prüfen – nicht über Stationen im Lebenslauf, sondern über konkrete Rekonstruktion: Was war der Auftrag, was ging schief, was hat die Person daraufhin getan?
- Motivation ist die Frage, ob jemand diese Aufgabe wirklich will – und nicht nur weg von der jetzigen. Beides fühlt sich im Gespräch identisch an. Der Unterschied zeigt sich, wenn man nach den Nachteilen der neuen Aufgabe fragt: Wer nur weg will, hat darauf keine Antwort.
- Passung ist die Frage, ob jemand in dieser Organisation wirksam werden kann. Sie ist keine Eigenschaft der Person, sondern eine Beziehung zwischen Person und Umfeld. Dieselbe Führungskraft, die in einer entscheidungsfreudigen Struktur aufblüht, kann in einem konsensorientierten Haus scheitern – und umgekehrt.
Der praktische Nutzen dieser Trennung liegt in der Entscheidung. Wenn alle drei Dimensionen einzeln bewertet sind, lässt sich benennen, wo das Risiko liegt: Fehlt fachliche Tiefe, ist das mit Einarbeitung lösbar. Fehlt Motivation, kündigt die Person nach achtzehn Monaten. Fehlt Passung, scheitert sie, obwohl sie alles kann.
Genau deshalb liefern wir am Ende eines Suchmandats kein Ranking, sondern ein Bild mit Stärken, Risiken und offenen Punkten. Die Entscheidung trifft, wer anschließend mit der Person arbeitet.
Aus eignungsdiagnostisch begleiteten Auswahlverfahren, gemeinsam mit unserem Partner für Arbeits- und Organisationspsychologie.
Auswahl
Warum Eigenschaften von Bewerbern noch lange kein Arbeitsverhalten sind
„Durchsetzungsstark, teamfähig, belastbar“ – drei Wörter, die in fast jedem Anforderungsprofil stehen und fast nichts vorhersagen.
Eigenschaftswörter sind bequem. Sie lassen sich schnell aufschreiben, alle Beteiligten nicken, und niemand muss erklären, was gemeint ist. Genau darin liegt das Problem: Eine Eigenschaft ist eine Zuschreibung, kein Verhalten. Beobachten lässt sich nur Letzteres.
Dazu kommt, dass Verhalten stark vom Umfeld abhängt. Wer im Direktvertrieb als durchsetzungsstark galt, muss es in einer Matrixorganisation mit drei Mitzeichnern nicht sein – dort ist Durchsetzung eine andere Fähigkeit. Und die Selbstauskunft hilft nicht weiter: Wir haben in über zwei Jahrzehnten noch niemanden erlebt, der sich im Bewerbungsgespräch als nicht teamfähig beschrieben hat.
Was hilft, ist ein Zwischenschritt: Das Anforderungsprofil wird von Eigenschaften in Situationen übersetzt. Statt „durchsetzungsstark“ steht dann dort: Muss gegenüber zwei Bereichsleitern einen Liefertermin durchsetzen können, ohne die Zusammenarbeit für das nächste Projekt zu beschädigen. Diese Formulierung ist länger, aber sie lässt sich prüfen.
Im Gespräch fragen wir dann nach echten Episoden: Was war die Ausgangslage, was war Ihre Aufgabe darin, was haben Sie konkret getan, was kam dabei heraus? Entscheidend ist die Gegenprobe – eine Situation, in der es nicht gelungen ist. Wer nur Erfolge erzählt, hat entweder wenig Verantwortung getragen oder wenig reflektiert.
Eigenschaften verschwinden dadurch nicht aus dem Verfahren. Sie sind eine brauchbare Hypothese, mit der man ins Gespräch geht. Als Auswahlkriterium taugen sie nicht.
Aus der Profilklärung in Suchmandaten für technische und kaufmännische Führungsrollen.
Auswahl
Resilienz in der Auswahl – übersetzt in Problemlösungsfähigkeit
Resilienz lässt sich in einem Gespräch nicht messen. Das Verhalten, das damit gemeint ist, sehr wohl.
Resilienz steht seit einigen Jahren in vielen Anforderungsprofilen. Gemeint ist damit selten das, was der Begriff eigentlich bezeichnet, und geprüft wird er fast nie. Wir übersetzen ihn deshalb in etwas Beobachtbares: Wie geht jemand vor, wenn etwas schiefgeht?
- Erkennen: Wann hat die Person gemerkt, dass ein Projekt kippt – und woran? Wer erst beim Eskalationstermin aufmerksam wird, hat andere Frühwarnsignale als jemand, der die Stimmung im Team liest.
- Einordnen: Wird zwischen Symptom und Ursache unterschieden? Ein verpasster Termin ist ein Symptom.
- Handeln: Was war der erste Schritt, was der zweite? Konkrete Reihenfolgen unterscheiden erlebte von erzählter Erfahrung.
- Hilfe holen: Wann und bei wem? Wer nie Hilfe holt, ist nicht besonders widerstandsfähig, sondern isoliert – und das wird im nächsten Unternehmen genauso sein.
- Danach: Was hat die Person daraus abgeleitet, und was macht sie heute anders? Ohne diesen Teil bleibt es eine Anekdote.
Ein Missverständnis räumen wir dabei regelmäßig aus: Resilienz ist nicht Belastbarkeit im Sinne von „hält mehr aus“. Wer in der Auswahl danach sucht, wer am längsten durchhält, findet verlässlich Menschen, die zu spät Nein sagen. Gesucht ist, wer unter Druck handlungsfähig bleibt – und dazu gehört, Grenzen früh zu benennen.
Aus strukturierten Auswahlgesprächen für Projekt-, Produktions- und Vertriebsverantwortung.
Auswahl
Wann sich Sympathie im Gespräch entscheidet – und wer auf den zweiten Blick gewinnt
Der erste Eindruck steht nach Sekunden. Der Rest des Gesprächs dient häufig nur noch seiner Bestätigung.
In der Praxis fällt das Urteil über einen Kandidaten sehr früh – deutlich früher, als den Beteiligten bewusst ist. Danach passiert etwas Unangenehmes: Man hört selektiv. Antworten, die zum ersten Eindruck passen, werden als Beleg gewertet; Antworten, die nicht passen, als Ausnahme. Wer sympathisch wirkt, bekommt für dieselbe Antwort eine bessere Note.
Für technische Rollen ist das besonders folgenreich. Wer schnell und flüssig spricht, wirkt kompetent. Wer vor der Antwort nachdenkt, wirkt zögerlich – obwohl genau dieses Nachdenken in der Rolle gebraucht wird. Wir haben mehr als einmal erlebt, dass die im Erstgespräch unscheinbarste Person diejenige war, die zwei Jahre später den Bereich führte.
Was dagegen hilft, ist unspektakulär und wirkt sofort:
- Strukturiertes Interview: gleiche Fragen, gleiche Reihenfolge, für alle Kandidaten.
- Bewertung während des Gesprächs je Frage notieren, nicht am Ende als Gesamteindruck.
- Zwei Beurteiler, die unabhängig bewerten und erst danach abgleichen.
- Ein zweiter Termin in anderem Rahmen – Werksrundgang, Fachgespräch mit der Abteilung. Viele Menschen sind dort ein anderer Gesprächspartner.
- Eine ehrliche Kontrollfrage an sich selbst: Würde ich diese Antwort genauso bewerten, wenn sie von jemandem käme, den ich weniger sympathisch finde?
Sympathie ganz auszuschalten ist weder möglich noch wünschenswert – am Ende müssen Menschen zusammenarbeiten. Es geht darum, sie nicht mit Eignung zu verwechseln.
Aus Auswahlverfahren, die wir gemeinsam mit unserem Partner für Arbeits- und Organisationspsychologie führen.
Auswahl
Unerlaubte Fragen im Bewerbungsgespräch – und wie man das dahinterliegende Interesse zulässig klärt
Fast jede unzulässige Frage hat ein legitimes Anliegen. Zulässig wird sie, wenn man nach der Anforderung fragt statt nach der Person.
Unzulässig sind Fragen, die keinen sachlichen Bezug zur ausgeschriebenen Stelle haben – insbesondere zu den im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz genannten Merkmalen sowie zu Schwangerschaft und Familienplanung, Gewerkschafts- und Parteizugehörigkeit, Vermögensverhältnissen und Vorstrafen ohne Bezug zur Tätigkeit. Auf eine unzulässige Frage darf die Bewerberin oder der Bewerber falsch antworten, ohne dass daraus arbeitsrechtliche Folgen entstehen. Die Frage nützt also niemandem.
Der Ausweg ist fast immer derselbe: Fragen Sie nicht nach dem Merkmal, sondern nach der Anforderung, die Sie tatsächlich interessiert.
- Statt nach Schwangerschaft oder Familienplanung: „Die Stelle umfasst etwa acht Reisetage im Monat und gelegentliche Spätschicht. Ist das für Sie dauerhaft darstellbar?“
- Statt nach Religion: „Für welche Wochentage und Schichten stehen Sie zur Verfügung?“
- Statt nach einer Behinderung: „Die Tätigkeit umfasst Heben bis 20 kg und Arbeiten auf Steigleitern. Gibt es etwas, das wir einrichten müssten, damit Sie das ausüben können?“
- Statt nach dem Alter: „Wie viele Jahre haben Sie Ergebnis- und Personalverantwortung in vergleichbarer Größenordnung getragen?“
- Statt nach Vorstrafen allgemein: „Die Position umfasst Kassen- und Bankvollmacht. Bestehen Eintragungen im Führungszeugnis, die dem entgegenstehen?“
- Statt nach Vermögensverhältnissen: nur bei Positionen mit Vermögensbetreuungspflicht und dann konkret auf laufende Pfändungen bezogen.
Zwei Einschränkungen gehören dazu. Erstens: Nicht jede Frage lässt sich umformulieren. Nach der Gewerkschaftszugehörigkeit gibt es kein zulässiges Interesse – die Frage entfällt ersatzlos. Zweitens: Eine Umformulierung, die erkennbar nur die alte Frage tarnt, bleibt unzulässig. Der Unterschied ist nicht sprachlich, sondern inhaltlich: Sie müssen die Anforderung wirklich meinen.
Der angenehme Nebeneffekt sauberer Fragen ist, dass die Antworten brauchbarer werden. „Können Sie acht Reisetage im Monat?“ liefert eine Information, mit der sich arbeiten lässt. Die unzulässige Variante liefert keine.
Praxiserfahrung aus Auswahlverfahren – keine Rechtsberatung. Bei Zweifeln im Einzelfall arbeitsrechtlich prüfen lassen.
Führung und Organisation
Was Veränderung im Betriebsalltag trägt – und was sie kippen lässt.
Führung & Organisation
Woran man erkennt, dass eine zweite Führungsebene fällig ist
Vier Anzeichen, die in wachsenden Unternehmen zuverlässig gemeinsam auftreten – und warum das Organigramm selten das Problem ist.
Zwischen 80 und 150 Mitarbeitenden funktioniert in vielen Unternehmen noch, was sie groß gemacht hat: kurze Wege, mündliche Absprachen, eine Geschäftsführung, die alles überblickt. Jenseits von etwa 200 Mitarbeitenden trägt das nicht mehr. Der Übergang wird selten als Strukturfrage bemerkt, sondern als Belastung.
- Entscheidungen laufen weiterhin über die Geschäftsführung, obwohl sie das inhaltlich nicht mehr beurteilen kann.
- Zuständigkeiten sind mündlich geregelt und für neue Mitarbeitende nicht erkennbar – Einarbeitung dauert auffällig lange.
- Führungskräfte wurden fachlich befördert, aber nie auf Führung vorbereitet; sie arbeiten weiter fachlich mit und führen nebenbei.
- Projekte scheitern nicht an Fachwissen, sondern an Abstimmung zwischen Bereichen, die sich gegenseitig nicht zuarbeiten müssen.
Treten drei dieser vier Punkte zusammen auf, ist die Frage in aller Regel keine Personalfrage. Eine zusätzliche Führungskraft in eine ungeklärte Struktur zu setzen, verschiebt das Problem nur nach unten.
Was hilft, ist unspektakulär: eine schriftliche Klärung, wer was entscheidet, mit welchem Spielraum und gegenüber wem. In der Praxis reicht dafür meist eine Seite je Rolle. Der schwierige Teil ist nicht das Papier, sondern die Wochen danach – wenn die Geschäftsführung eine Entscheidung, die sie inhaltlich anders getroffen hätte, stehen lassen muss. Ob eine neue Führungsebene trägt, entscheidet sich genau an dieser Stelle, nicht im Organigramm.
Aus Veränderungsmandaten in Unternehmen zwischen 100 und 400 Mitarbeitenden.
Nachfolge
Was ein Generationswechsel mit dem Führungskreis macht
Die Übergabe im Gesellschafterkreis ist meist geregelt. Die Wege darunter sind es fast nie.
Ein Generationswechsel wird in aller Regel gut vorbereitet – gesellschaftsrechtlich, steuerlich, oft über Jahre. Was dabei selten mitgedacht wird: Der Führungskreis unter der Geschäftsführung hat sich über Jahrzehnte auf eine bestimmte Person eingestellt. Er kennt ihre Entscheidungslogik, weiß, was man ihr vorlegt und was man selbst regelt. Diese eingespielten Wege sind nirgends beschrieben, und genau deshalb gehen sie beim Wechsel verloren.
Was danach passiert, ist berechenbar. Ein Teil des Führungskreises wartet ab und legt vorsichtshalber alles vor – die neue Geschäftsführung ertrinkt in Detailfragen. Ein anderer Teil entscheidet weiter wie bisher, ohne zu prüfen, ob das noch gilt. Beides wird als Charakterfrage gedeutet („der bremst", „die macht, was sie will"), obwohl es eine Strukturfrage ist.
Hinzu kommt, dass in solchen Projekten fast immer drei Generationen am Tisch sitzen: die übergebende, ein über Jahrzehnte gewachsener Führungskreis und eine nachrückende Ebene mit anderen Erwartungen an Arbeit, Tempo und Führung. Dass alle drei denselben Berater akzeptieren, lässt sich nicht beauftragen. Es entscheidet sich in den ersten Gesprächen – und es entscheidet darüber, ob der Prozess überhaupt möglich ist.
Praktisch bewährt hat sich, die Übergabe nicht als Stichtag zu behandeln, sondern die Entscheidungswege vor dem Wechsel einmal explizit zu machen: Welche Themen kommen künftig nach oben, welche nicht? Wo endet der Einfluss der übergebenden Generation, und wo bleibt sie ausdrücklich gefragt? Diese Klärung kostet wenige Termine. Sie erspart die zwei Jahre, in denen sonst alle vorsichtig sind.
Aus Nachfolge- und Veränderungsmandaten in inhabergeführten Unternehmen.
Führung & Organisation
Führung in der Veränderung – worauf es ankommt
In Veränderungsphasen ändert sich nicht nur die Organisation, sondern auch die Führungsaufgabe. Sechs Punkte, die den Unterschied machen.
Im Normalbetrieb führt man ein bekanntes System. In der Veränderung führt man ein System, das man selbst noch nicht ganz versteht – und das ist eine andere Aufgabe. Was uns in Projekten immer wieder begegnet:
- Orientierung geben, bevor alles klar ist. Der häufigste Fehler ist Schweigen aus Sorge, etwas Falsches zu sagen. Wirksam ist die Dreiteilung: Was steht fest, was ist offen, wann wird es entschieden. Drei Sätze, alle vier Wochen wiederholt, schlagen jede Hochglanzpräsentation.
- Die eigene Haltung zeigen. Mitarbeitende lesen die Führungskraft genauer als jedes Konzept. Wer selbst zweifelt und es verbirgt, wird durchschaut. Wer Zweifel benennt und trotzdem Kurs hält, wird glaubwürdig.
- Widerstand als Information behandeln. Wer widerspricht, hat sich meist Gedanken gemacht. In der Regel fehlt dem Konzept genau das Argument, das dort vorgebracht wird. Gefährlicher als lauter Widerstand ist stilles Mitmachen.
- Prioritäten explizit machen. Veränderung passiert neben dem Tagesgeschäft, nicht statt seiner. Wer Zusätzliches verlangt, ohne zu sagen, was dafür liegen bleiben darf, bekommt beides halb.
- Verlässlichkeit im Kleinen. Zugesagte Rückmeldungen, eingehaltene Termine, angekündigte Entscheidungen. In unsicheren Phasen zählt das mehr als in ruhigen – es ist der einzige verfügbare Beleg dafür, dass man sich auf die Führung verlassen kann.
- Die mittlere Ebene nicht allein lassen. Sie steht zwischen der Erwartung von oben und der Skepsis von unten und soll etwas vertreten, das sie selbst noch prüft. Diese Führungskräfte brauchen einen Ort, an dem sie zweifeln dürfen, ohne dass es als Illoyalität gilt.
Keiner dieser Punkte ist neu oder überraschend. Sie scheitern in der Praxis auch nicht an mangelnder Einsicht, sondern daran, dass in Veränderungsphasen zuerst die Zeit für Führung gestrichen wird. Genau das ist der Moment, in dem sie am meisten gebraucht wird.
Aus Veränderungs- und Nachfolgemandaten in mittelständischen Unternehmen.
Methode
Wie wir Führung besprechbar machen: das Verhaltensgitter nach Blake und Mouton
Zwei Fragen, ein Raster – und ein Führungskreis, der plötzlich über sein eigenes Muster spricht statt über Personen.
Das Verhaltensgitter geht auf Robert Blake und Jane Mouton zurück und ist über sechzig Jahre alt. Wir verwenden es trotzdem regelmäßig, weil es etwas kann, das viele modernere Modelle nicht können: Es macht Führungsverhalten in wenigen Minuten besprechbar, ohne dass jemand ein Etikett aufgeklebt bekommt.
Das Modell fragt nach zwei Dimensionen, jeweils auf einer Skala von 1 bis 9: Wie stark ist die Aufmerksamkeit auf die Sache gerichtet – Ergebnis, Termin, Qualität – und wie stark auf die Menschen, die sie erbringen. Aus der Kombination ergeben sich die bekannten Eckpunkte: 9.1 als betont sachorientierte Führung, 1.9 als betont beziehungsorientierte, 5.5 als Kompromiss, 1.1 als Rückzug und 9.9 als Führung, die beides zugleich hoch hält.
Nützlich wird das Raster in drei Situationen:
- Selbstbild gegen Fremdbild. Die Führungskraft schätzt sich ein, das Team ebenfalls. Der eigentliche Befund ist fast nie die Position im Gitter, sondern die Differenz zwischen beiden Einschätzungen.
- Muster im Führungskreis. Wenn acht von zehn Führungskräften im selben Quadranten liegen, ist das keine Häufung von Persönlichkeiten. Das ist die Kultur des Hauses – und dann ist die Frage nicht, wer sich ändern soll, sondern was diese Führung im Unternehmen belohnt.
- Rollenwechsel. Wer aus der Fachlaufbahn in die Führung wechselt, landet fast immer stark sachorientiert. Das Gitter macht sichtbar, was jetzt dazukommen muss, ohne das Bisherige abzuwerten.
Zwei Grenzen benennen wir dabei offen. Das Verhaltensgitter ist ein Gesprächsraster, kein diagnostisches Instrument mit Prognosekraft – für Auswahlentscheidungen ziehen wir andere Verfahren heran. Und 9.9 ist nicht in jeder Lage die richtige Antwort: In einer Havarie mit Lieferstopp ist ausgeprägte Sachorientierung angemessen, im Aufbau eines neuen Teams selten. Es geht um situative Angemessenheit, nicht um einen Idealpunkt.
Aus Führungskräfteentwicklung und Führungsklausuren in Produktions- und Dienstleistungsunternehmen.
Ziele und Steuerung
Womit sich steuern lässt – und womit nur berichten.
Ziele & Steuerung
Eine Balanced Scorecard zur Zielerreichung – ja, das gibt es
Das Instrument hat einen schlechten Ruf, weil es meist zu groß gebaut wird. In der schlanken Fassung leistet es genau das, was der Mittelstand braucht.
Die Balanced Scorecard geht auf Robert Kaplan und David Norton zurück und beruht auf einer schlichten Beobachtung: Finanzkennzahlen sind nachlaufend. Sie sagen, was passiert ist, aber nicht, was zu tun wäre. Deshalb stellt das Modell neben die Finanzperspektive drei weitere – Kunden, Prozesse sowie Lernen und Entwicklung – und behandelt sie als Ursachen des finanziellen Ergebnisses.
In der Praxis scheitern Einführungen fast immer am Umfang. Wir haben Scorecards mit vierzig Kennzahlen gesehen, die nach zwei Quartalen niemand mehr pflegte. Was funktioniert, sieht anders aus:
- Zwei bis drei Kennzahlen je Perspektive, insgesamt höchstens zehn.
- Je Kennzahl eine verantwortliche Person – nicht ein Bereich.
- Je Kennzahl ein fester Rhythmus, in dem sie besprochen wird.
- Nur Kennzahlen, die aus vorhandenen Daten entstehen. Wer erst ein Erhebungsverfahren aufbauen muss, hat die falsche Kennzahl gewählt.
Der eigentliche Nutzen liegt aber nicht in der Auswahl der Kennzahlen, sondern darin, die Wirkungskette auszuformulieren. Zum Beispiel: Wenn wir die Rüstzeit an zwei Engpassmaschinen senken (Prozess), steigt die Liefertreue (Kunde); das erhöht den Anteil an Wiederholaufträgen (Finanzen). Voraussetzung ist, dass zwei zusätzliche Einrichter qualifiziert sind (Lernen und Entwicklung).
Wenn sich eine solche Kette für eine Kennzahl nicht formulieren lässt, wird sie beobachtet, aber nicht gesteuert. Das ist kein Beinbruch – man sollte es nur wissen und sie nicht in Zielvereinbarungen schreiben.
Für unsere Arbeit ist die Scorecard vor allem deshalb interessant, weil sich daraus Führungsziele ableiten lassen, die nicht sämtlich am Jahresergebnis hängen. Womit wir beim nächsten Thema wären.
Aus Projekten zur Zielsystematik und Führungskräfteentwicklung im Mittelstand.
Ziele & Steuerung
Warum ein bestimmter Unternehmensgewinn kein Ziel ist
„Wir wollen acht Prozent Umsatzrendite“ ist eine Erwartung, keine Zielvorgabe – und der Unterschied hat Folgen.
Ergebniskennzahlen wirken wie ideale Ziele: eindeutig, messbar, unbestreitbar wichtig. Als Steuerungsgröße für Menschen taugen sie trotzdem selten. Dafür gibt es vier Gründe.
- Sie sind nur teilweise beeinflussbar. Materialpreise, Wechselkurse, Konjunktur und der Auftragseingang eines einzigen Großkunden schlagen stärker durch als alles, was eine Bereichsleitung tun kann. Wer daran gemessen wird, wird für Umstände belohnt oder bestraft.
- Sie laufen nach. Wenn die Zahl sichtbar wird, liegt die Ursache Monate zurück. Steuern kann man damit nicht mehr, nur noch erklären.
- Sie sagen nicht, was zu tun ist. Zwei Führungskräfte mit demselben Renditeziel tun völlig Verschiedenes – und beide können recht haben.
- Sie laden zu Verhalten ein, das kurzfristig hilft und langfristig schadet. Instandhaltung verschieben, Ausbildungsplätze streichen, Bestände abbauen, Preise nachlassen, offene Stellen nicht besetzen. Jede dieser Maßnahmen verbessert das laufende Jahr und verschlechtert die drei darauffolgenden.
Was besser funktioniert: Das Ergebnis als Rahmenbedingung formulieren – „wir wirtschaften so, dass mindestens X übrig bleibt“ – und die eigentlichen Ziele auf die Ursachenseite legen. Also auf Größen, die die verantwortliche Person tatsächlich bewegen kann: Liefertreue, Angebotserfolgsquote, Deckungsbeitrag je Auftrag, Nacharbeits- und Reklamationsquote, Durchlaufzeit, Fluktuation in kritischen Rollen, Besetzungsdauer von Schlüsselpositionen.
Ob eine Größe als Ziel taugt, lässt sich mit zwei Fragen prüfen: Kann die Person, die das Ziel bekommt, morgen etwas tun, das darauf einzahlt? Und merkt sie innerhalb weniger Wochen, ob es gewirkt hat? Zweimal ja – dann ist es ein Ziel. Sonst ist es eine Erwartung, und die sollte man auch so nennen.
Aus Projekten zur Zielsystematik, Führungsstruktur und Bereichsverantwortung. Keine betriebswirtschaftliche Beratung im Einzelfall.
Diese Sammlung wächst. Wenn Sie ein Thema interessiert, zu dem hier noch nichts steht, schreiben Sie uns – oft ist der Text danach der nächste.
Erstgespräch
Ihre Situation ist konkreter als jeder Text.
Wenn eines der Themen etwas trifft, das bei Ihnen gerade ansteht: Ein halbstündiges Gespräch klärt meist mehr als zehn Seiten Lesestoff. Vertraulich, auch wenn daraus keine Zusammenarbeit wird.
